Le Pin Sec (Tag eines Wildcampers)

Le pin sec - Tag eines Wildcampers

Leise bis laut schreien die Möwen am frühen Morgen. Viele Stimmen durcheinander und alle scheinen mich zu begrüßen, den verlorenen artgerechten Freiluft schnuppernden Wilden, der mit Schlafsack und einer Flasche Rotwein gestern in Dünen seinen Platz fand. Das Rauschen des Meeres verspricht gute Brandung und frischer Wind weht ablandig - vielversprechende Zeichen für das Surfboard, das noch im VW-Bus schlummert und geduldig auf seinen Einsatz wartet wie ein friedliches Baby, dessen Muttermilch in den glasigen, sauber brechenden Wellen die höchste Notwendigkeit findet. Mein Schatz, jenes hellblaue Brett mit der Aufschrift "Ocean-Soul", wird geliebt, wie man nur eine Frau lieben kann - jede Welle mit ihm ist anders, so vielfältig wie die menschliche Individualität. "Sex mit den Göttern" heißt es in einem reißerischen Hollywood-Film, der den Kern des Wellenreitens ganz passend umschreibt und doch recht unterbelichtet daher kommt ohne zu erklären, dass es noch viel mehr bedeutet: eine eigene Religion, ein Animismus der ganz feinen sublimen Art.

Zu dem täglichen Ritual des Wildcampers gehört so einiges. Das morgendliche Frühstück ruft, heute mal ein typisch englisches Breakfast mit Spiegelei, Schinken und kleinen Würsten. Der gemeine Surfer braucht ordentliche Grundlagen für den Tag in den Wellen. Während mein Surfkumpel sorgsam für Verpflegung sorgt, hole ich unsere beiden Boards aus ihrem Versteck und beginne ebenso sorgsam sie einzuwachsen. "Sex Wax" heißt die Marke, deren unverkennbarer Kultstatus nach Erdbeere duftet. So warm ist das Wasser im Atlantik nicht - deshalb gibt's eine Mischung aus Wachs für kaltes und warmes Wasser: weiß und rosa. Der Weiße riecht nach Kokosnuss. Dann geht alles ganz schnell. Wir verspeisen gemeinsam das kalorienhaltige Essen und begeben uns nach einer kleinen wilden Frische-Session auf den sanitären Anlagen des nahegelegenen Campingplatzes mit unseren Babys in die grandiosen zwei Meter Wellen, die schwer berechenbar auf den Sandbänken brechen. Mein Kumpel wie immer dick verpackt im Neoprenanzug und meine Wenigkeit wie immer leicht bekleidet mit einer "Boardshorts". Wir befestigen die lebensnotwendigen Leinen an unseren Knöcheln und springen wohl überlegt im richtigen Moment in den "Shorebreak", den direkt am Strand brechenden kleinen Monstern, die schon einige Bretter auf dem Gewissen haben. Alles geht gut und der anstrengende Kampf des Paddelns beginnt. Nach guten fünfzehn Minuten befinden wir uns hinter der mächtigen Brandung und warten auf die erste Welle des Tages.

Während wir so warten, auf den Boards sitzend, erzählt das Meer seine eigene Geschichte, obgleich auch unsere Geister gerne Weltverbesserungsmaßnahmen ausdiskutieren - jedoch noch nicht zu dieser Zeit - noch sind die Gedanken frei und ohne Konzept. Eine schön geformte Welle bricht sich zeitig auf einer Sandbank und ich beginne weit im Vorfeld zu paddeln, um sie zum richtigen Zeitpunkt zu erwischen…

Le Pin Sec


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