Senya Beraku (Hitzewellen)

Schwitzen unter Wasser? Sonnenstich, Adrenalin und Flow in westafrikanischen Gewässern? Bei 35 Grad tropischer Hitze rollen die heißesten Wellen über das Riff vor der portugiesischen Festung in Senya Beraku. Ein weißer Clown mit Badehose und Surfbrett bahnt sich seinen Weg durch die schwarze Menge am Strand. Sie sind alle gekommen, um Fisch zu kaufen. Doch der bleibt heute aus. Zu hoch ist die Brandung, zu hoch das Risiko, sein einziges Hab und Gut in Form eines kleinen Fischerbootes zu beschädigen. Kinder werden hungern müssen, bis sich die perfekten drei Meter hohen Wellen, die ungebremst über das scharfe Riff donnern, beruhigen.
Der weiße Mann schaut ulkig aus: gut gebaut, braune Haut, helles Haar und eine mit bunten Blumen bemalte Badehose ziert seinen Körper. Während ihn die schaulustigen Einheimischen interessiert beobachten, befestigt er eine Leine am linken Knöchel, die ihn mit seinem Brett verbindet.
Senya Beraku Lautes Geschrei und Getose von Fischern und Frauen. Einige Kinder reiben an seiner vergleichsweise hellen Haut, laufen wild um ihn herum und würden gerne Teil des Spektakels sein. Doch die Aufmerksamkeit gilt nur ihm, dem komischen Weißen, dessen ganzer Körper zu zerfließen scheint. Schweiß strömt aus jeder Pore seiner Haut, sein Gesicht schaut auf die Brandung und sein Geist ist schon längst nicht mehr mit den Gedanken an Land. Ignorant wie ein Inselbewohner vor der Erfindung der Seefahrt geht er Richtung Meer. Seine Realität besteht, je näher das Wasser rückt, nur noch aus einem handgefertigten Balsaholzbrett und seinem eigenen Körper. Selbst vibrierendes Geschrei der Kinder und grollende Ausrufe ihrer Eltern streicht er aus der Rechnung, an dessen Ende sein Momentanzustand steht, sein Bewusstsein und seine Welt.
Umgeben von kreischenden Afrikanern springt er in das strandnahe Wasser, um zum Riff zu paddeln, wo die perfekten Wellen warten. Lange hat dieser Moment auf sich warten lassen, lange hat ihn das Treiben an Land des westafrikanischen Kontinents bewegt, lange hat die Natur gewartet, bis diese Perfektion jenseits jeglicher Aufmerksamkeit erscheint. Ja, richtig! Aufmerksamkeit gilt dem weißen Clown, nicht aber dem Ereignis, dessen er sich widmet. Weit und breit ist nichts zu sehen, was im entferntesten Sinne mit Surfkultur zu tun hat. Alles hat den Anschein, als würde auf etwas gewartet, das es vorher noch nie gegeben hat. Und das hat es auch nicht. Jede Welle ist anders, jeder Tag ist neu, jede Lust hat spezielle Ursachen und im Fluss einer Zeit ergeben sich immer wieder neue Gegebenheiten. Hat dieser mystische Ort, an dem wahrscheinlich zum ersten Mal ein Mensch eine Welle reitet, eine besondere Bedeutung? Wo doch jeden Tag Surfer um die Welt reisen, um sich ihrer Lebensphilosophie hinzugeben? Einige wenige Gedanken des Clowns, der schon fast das Riff erreicht hat. Während er das Land verlässt, schießen ihm doch noch Gedanken durch den Kopf, die über sein eigentliches Ziel hinausreichen. Doch schon bald ist das vorbei.
Drei Meter hohe Wellen, manche sogar mächtiger, laufen relativ langsam über das Riff. Sie werden immer schneller, formen ein Rohr aus Wasser und verkörpern Träume eines jeden Surfers. Einfach anzupaddeln, einfach aufstehen und rein in die Bestie, von der nur das Gesicht bekannt ist. Darunter verbirgt sich scharfkantiges Riff und krankheitserregender Schleim über lebenden Korallen. All dies scheint aber unbedeutend, wenn nur die Wellen selbst geliebt werden. Wie auch bei Artgenossen kann Schönheit über hässliche Probleme hinweg täuschen, doch Lust ist zumeist grösser, als dass ein Angebot abgeschlagen wird.
Am Strand veranstalten derzeit die Afrikaner eine Art Volksfest. Der weiße Mann in den Wellen wird gefeiert, als sei er Gott höchstpersönlich. Sicher könnte man auch einen Brunnen bauen, Kinder impfen oder sonst etwas tun, doch er scheint sein Dasein als wellenreitende Ikone zu genießen. Weiße Menschen kommen zumeist hierher, um uns etwas zu geben oder zu nehmen, sagt der Chief des Dorfes, und genau das tut dieser todgeweihte Mann im Wasser dort. Alle schauen gespannt, wie sich dieser weit entfernte Mensch mit seinem Brett in die Dünung stürzt. Er steht aufrecht, kaum zu erkennen, in einer Welle, die mehr als doppelt so hoch über ihm bricht. Wo der Mann doch eben noch in dieser Hitze geschwitzt hat, scheint er nun im Schatten einer Welle Kühlung zu erfahren. Der Strand bebt vor Aufregung, Kinder toben, ihre Eltern wagen es kaum, sie zu beruhigen. Nur die tosende Welle mit einer weißen Schaumwalze befindet sich im Zentrum aller Beobachtung. Für einen Moment ist es ganz still und dann kommt der weiße Gott aus der Walze geschossen, als hätte ihn die Natur selbst ausgespuckt. Ganze Erinnerungen im Kopf des Surfers verblassen und er genießt die Unendlichkeit des Moments, nach dem viele immer und immer wieder streben. Senya Beraku Manche erfahren solche Momente beim Sex, in der Liebe im Allgemeinen oder im Rausch. Umgeben von einer 33 Grad warmen Wand aus klarem Wasser, bunt schimmernden Farben des Korallenriffs und einem heißen ablandigen Wind kommt der Geist zum Höhepunkt des Nichts. Eben war er noch eine ulkige weiße Figur mit einem lustigen Brett und eine Attraktion für andere, jetzt ist endgültig nur noch Platz für das Selbst. Nie zuvor hat es diesen Zustand für ihn in Westafrika gegeben. Zu viele Hitzewellen an Land und nicht im Wasser. Zu viele Berge aus Müll, zu viele Kranke und Tote, zu viel Armut und Ungerechtigkeit. Aber ebenso viel Herzlichkeit, Liebe und Hoffnung. Viel zu viel Aufmerksamkeit und viel zu viel Stress. Kann das von einer einzigen tropischen Welle verschluckt werden? Nein, sicher nicht. Bedeutungslosigkeit von Dingen liegt im Moment, ebenso die Freiheit, eine gedankenlose Realität zu erleben. Niemand surft ewig.
Nach einigen Stunden lässt sich der weiße Mann mit einer letzten Welle an Land treiben. Seine Haut glänzt von den Wasserperlen, die sich langsam mit Schweiß mischen. Das Surfbrett liegt locker unter seinem rechten Arm. Blut ist im Sand zu sehen. Das Korallenriff hat ihm bloß die Füße aufgeschlitzt. Die Einheimischen feiern ihn als Heiland, der soeben über das Wasser gelaufen ist. Ein Erlöser jedoch ist nicht der Mann und nicht sein Brett. Jener kommt mit der Zeit des Menschen, und die ist nicht vergangen und steht nicht bevor. Sie bleibt unendlich und scheint im Moment zu liegen. Niemand wird sich daran erinnern. Und so vergehen Hitzewellen an Land wie zu Wasser jeden Tag aufs Neue.

© 2004 Björn Pötters  

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